Wo steht der Jazz heute?
Wenn man bestimmen will, wo der Jazz heute steht, steht man vor dem Problem, dass man mit keinem allgemeingültigen Stilbegriff mehr dienen kann ...In den Geschichtsbüchern zum Jazz findet man etwa folgendes: Die 20er Jahre – Chicago Style, die 30er – Swing, die 40er – Bebop, die 50er – Hardbop und Cooljazz, die 60er – Freejazz und Souljazz, die 70er – Fusion (Jazzrock) und „Europäisierung“ des Jazz (im Zeichen von ECM). Heute dagegen ist der Jazz in eine Vielfalt von musikalischen Aktivitäten unterschiedlichster, teilweise widersprüchlich erscheinender Ausrichtung verstrickt. Er wirkt wie ein kreatives Virus in musikalischen Grenzbereichen und geht abenteuerliche Verbindungen ein. Diese Tendenz begann sich schon in den 80ern abzuzeichnen, etwa mit dem Album Song X (1985), auf dem der für schöne, sanfte Klänge bekannte Gitarrist Pat Metheny plötzlich Seite an Seite mit dem Altmeister des Freejazz Ornette Coleman spielt. Hier bereits werden die musikalischen Ansätze immer individualistischer und lassen sich nicht mehr auf einen Nenner bringen.
Auf der anderen Seite wurde der Jazz in den 80ern nach Fusion und Freejazz, die auf ihre jeweilige Weise radikal zukunftsorientiert waren, quasi von seiner Vergangenheit eingeholt. Das heißt, Rückgriffe auf frühere Stilphasen des Jazz (die es schon immer gegeben hatte) waren plötzlich nicht mehr bloßes „Revival“, sondern kreative Weiterentwicklungen. Das Potential der früheren Stile, insbesondere von Bebop – dem Modern Jazz schlechthin – war offenbar noch längst nicht ausgeschöpft. So entstand der Klassizismus mit seiner Monumentalfigur Wynton Marsalis. Hier erhielt der amerikanische Jazz von seinen Anfängen bis zu Coltrane die Weihen klassischer Musik. Doch auch der Freejazz entwickelte sich weiter. In Europa mündete er in eine eigene Szene von improvisierter Musik, die sich vom Jazz weit entfernt hat. In den USA dagegen war es Altmeister Ornette Coleman, der mit seiner elektrifizierten Band Prime Time eine ganze Welle von Freejazz-Funk-Crossover Anfang der 80er lostrat. Sein alter Kollege Don Cherry dagegen erweiterte den Freejazz zu einer alle ethnischen Musiken umfassenden Weltmusik. Und die radikalen Musikcollagen der New Yorker Knitting Factory-Großfamilie um John Zorn wiesen der Freejazz-Ästhetik den Weg in die 90er.
Als Gegenreaktion auf den Klassizismus entstand mit dem Kollektiv M-Base Mitte der 80er ein erster Vorstoß in Richtung Hip Hop-Jazz-Crossover. Ein weiterer war Miles Davis’ letztes Album Doo Bop, das rückblickend wie eine Fanfare für die 90er wirkt, wo der Dancefloor-Trend Acid Jazz Musiker und DJs zusammenbrachte, um sich an der Synthese von Jazz und Hip Hop zu versuchen (Cantaloop von US3). In dieser Szene wurde auch der Hammond-Orgel-Souljazz der späten 60er aufgewertet und bescherte dem Instrument neue Popularität (z. B. Barbara Dennerlein). Aber auch die anderen neuen Musikstile, die auf digitaler Sampling-Technik basieren, wie House, Techno, Trip Hop stellten und stellen für Jazzmusiker neue Herausforderungen dar (z. B. Jazzanova, Ensemble du Verre).
Ein anderer großer Trend im Jazz der Gegenwart wurde durch den Erfolg der Sängerin Norah Jones begründet. Ihre Verbindung von Folk und Singer-Songwritertum mit Jazz wurde wegweisend für eine ganze neue Generation von Vocal-Jazz-Artisten. Musikalisch neu ist sie allerdings nicht, machten doch schon Joni Mitchell und Terry Callier Anfang der 70er solche Musik. Letzterer wurde deshalb völlig zu Recht in den 90ern wiederentdeckt. Im Jazz (wie auch in der Politik) scheint die Zeit der großen revolutionären Visionen und Umbrüche vorbei zu sein. Die musikalische Landschaft gleicht eher einem bunten Flickenteppich, der durch zahllose überraschende Verbindungen ständig neue Ornamente erhält und immer feiner gewoben wird.
(Knut von Maydell)

