Wieso wird Jazz arrangiert?
Wie entsteht Musik? Der amerikanische Komponist John Cage hat einmal die Situation an einer belebten New Yorker Straßenkreuzung zum Konzert erklärt. Das bedeutete die einfache Umdeutung der uns umgebenden Alltagsgeräusche zu Musik durch die Aufforderung, ihnen zuzuhören, als wäre es die Musik in einem Konzert.Doch im normalen Musikverständnis besteht die Musik immer noch aus einer bestimmten rhythmisch-harmonischen Abfolge von Tönen, die auf Musikinstrumenten erzeugt werden, also einer Melodie. Musik ist nur ein Teilbereich dessen, was wir hören können. Als dieser Teilbereich hat sie üblicherweise einen eindeutigen Anfang und ein ebensolches Ende. Musik kennen wir also als Musikstücke. Der Verlauf eines Musikstückes kann nun auf unterschiedliche Weise im Voraus geplant werden. Wenn sich drei oder vier Musiker, die alle gut spielen können, zum Musizieren treffen, brauchen sie nicht mehr als eine bekannte Melodie, um durch Variationen und Improvisationen daraus ein Musikstück spontan zu erschaffen. So geschieht es auch nicht selten im Jazz. Mit den Standards verfügt der Jazz außerdem über einen eigenen Vorrat an bekannten Melodien. Schwieriger wird es, wenn die Zahl der Musiker eine gewisse Größe übersteigt oder wenn eine den Musikern noch nicht bekannte oder komplizierte Melodie als Vorlage dienen soll. So kann es ab einer Ensemblegröße von fünf, sechs Musikern bereits nötig sein, einzelne Instrumente zu Gruppen zusammenzufassen. Ist die zu spielende Melodie kompliziert, etwa sehr lang oder harmonisch ungewöhnlich, so muss auch vorher festgelegt werden, welche Instrumente welchen Teil spielen sollen, wo Wiederholungen kommen sollen, in welcher Reihenfolge die Soli gespielt werden etc. Diese Voraborganisation sowohl im Ensemble als auch im Verlauf des zu spielenden Musikstücks nennt man Arrangement. Und was, wenn noch gar keine Melodie, kein Stück vorhanden ist? Dann muss natürlich eine erfunden werden. Und diese Erfindung, ob nun aufgeschrieben oder den anderen Musikern durch Vortrag vermittelt, gilt im Jazz als die eigentliche Komposition. Wie weit sie ausgearbeitet (notiert) ist, liegt im Ermessen des Komponisten. Es betrifft die Frage, wie viel Freiheit bei der Bearbeitung, Ausschmückung, Erweiterung seiner Komposition er anderen Musikern zugestehen will. Aber ohne eine vorhandene Komposition kann es logischerweise gar kein Arrangement geben. Dass aber eine Komposition überhaupt für die Aufführung arrangiert wird, ist etwas, das in der Musik Europas seit der Wiener Klassik als undenkbar gilt. Das Werk des Komponisten gilt als unantastbar. Doch noch in der Barockmusik gab es den sogenannten Generalbass (Basso continuo), dessen Stimmverlauf aus der Komposition erschlossen werden konnte und daher nicht extra notiert wurde. Er wurde bei Aufführungen quasi arrangiert. Im Jazz gab es das Arrangement von Anfang an. Wie die Jazzmusiker ihren ganz individuellen Instrumentalklang formten, so auch ihren individuellen Zugriff auf eine Komposition. Und das Arrangieren wurde zu einer eigenen Kunst, die ein bekanntes Stück so weit verfremden kann, dass man es beim ersten Hören kaum wiedererkennt. Ein verblüffendes Beispiel aus jüngster Zeit ist Lisa Bassenges Version von Can’t get you out of my head, die Kylie Minogues Disco-Heuler in ein melancholisch verträumtes Stück Vocal-Jazz verwandelte. Übrigens muss das Arrangement für eine Bigband wegen des Ensembleumfangs normalerweise notiert werden, auch wenn die Musiker es dann für die Aufführung auswendig lernen (Headarrangement). Der Unterschied zwischen Arrangement und Komposition ist also nicht, dass diese vollständig notiert ist, das Arrangement aber nicht. Der Grad der Notation hängt beim Arrangement vielmehr von praktischen Aufführungszwecken ab. Während größere Arrangements üblicherweise Exklusivaufträge von Bands an den Arrangeur sind, kann ein vollständig notiertes Arrangement jedoch auch urheberrechtlich geschützt in Druck kommen und so für Aufführungen anderer zugänglich werden (Stock Arrangement). Die Kunst des Arrangeurs zeigt sich vor allem bei großen Ensembles, hier kann er seine ganze Kreativität im Umgang mit Harmonik, Stimmführung, Dynamik usw. zum Einsatz bringen. Berühmt waren in den 40ern die klangfarbenreichen Arrangements von Billy Strayhorn, des Co-Komponisten und Arrangeurs von Duke Ellington. In der Bebop-Ära waren Musiker wie Tadd Dameron, Benny Golson oder Gil Evans ungeachtet ihrer Fähigkeiten als Instrumentalisten vor allem als einfallsreiche Arrangeure bekannt. Und die ausübenden Musiker begannen ihre Bedeutung auch besonders zu würdigen: Als Ende August 1948 Miles Davis mit seiner neuen Gruppe im New Yorker Club Royal Roost auftrat, ließ er den Auftritt auf dem Plakat mit folgenden Worten ankündigen: „Miles Davis Nonett; Arrangements von Gerry Mulligan, Gil Evans und John Lewis“. Neuartig war nicht nur die Musik dieses Ensembles, die den Cooljazz anregte (Birth of the Cool), sondern dass mit der besonderen Hervorhebung des Klangaspektes erstmals auch die Namen der Arrangeure auf dem Konzertplakat erwähnt wurden. Ausnahmen waren hier natürlich Freejazz-Bigbands wie das Sun Ra Arkestra, die oft vollständig improvisierten. (Knut von Maydell)

