Was ist Latin Jazz?

Anders als Bebop, Dixieland oder Swing ist Latin Jazz keine Bezeichnung für einen bestimmten Jazzstil, sondern eine Sammelbezeichnung für die Vermischung von Jazz mit den Rhythmen und Harmonien der lateinamerikanischen Länder (vor allem Kuba und Brasilien). Historisch gesehen ist Latin Jazz aber auch ein Phänomen des Modern Jazz, denn die erste Latin Jazz-Stilfusion war die von Bebop und kubanischen Mambo-Rhythmen, wie sie Dizzy Gillespie in Zusammenarbeit mit Mario Bauza (der „Urvater des Latinjazz“) Ende der 40er entwickelte, damals Cubop genannt.Bauza, der auch Leiter der Latin-Bigband seines Schwagers Machito war (Machitos Afro-Cubans), machte Dizzy nicht nur mit den kubanischen Rhythmen (Mambo, Rumba) bekannt, sondern auch mit dem Perkussionisten Chano Pozo, woraus sich eine weitere fruchtbare Zusammenarbeit ergeben sollte, der wir Latin Jazz-Klassiker wie Tin Tin Deo oder Manteca zu verdanken haben.

Das von Bauza oft gebrauchte Bild von Jazz und afro-kubanischer Musik als zweier Äste vom selben Baum kam nicht von ungefähr: Bereits 1914, wenige Jahre nach der Entstehung des Jazz in New Orleans, gab es auf Kuba eine Jazzband namens Sagua, und in den 30ern rollte eine Rumba-Welle durch die USA, wovon z. B. Duke Ellingtons Hit Perdido zeugt. Doch der Cubop war die erste vollständige Stilfusion von Jazz und kubanischer Musik. Von ihr wurde der dichte, metallisch scheppernde Rhythmusteppich mit einer Vielzahl von Perkussionsinstrumenten (Guiro, Congas, Bongos, Timbales, Maracas…) übernommen, während die typischen kubanischen Lead-Instrumente Flöte, Violine und Klavier durch die Blasinstrumente des Jazz ersetzt wurden. Präsentiert wurde diese Musik im Bigband-Format, auch das damals ein Novum, galt Bebop doch weithin als nicht- Bigband-tauglich. Der Jazz-Konzertunternehmer Norman Granz war von dem neuartigen Latin Jazz Bigband-Sound so angetan, dass er den jungen kubanischen Komponisten Chico O’Farrill mit der Komposition einer Afro-Cuban Jazz-Suite beauftragte, die von Machitos Band mit Charlie Parker als Gaststar 1950 aus der Taufe gehoben wurde. Diesem Erfolg sollten bald ähnliche Suiten für Dizzy Gillespie, Stan Kenton und Art Farmer folgen.

Auch in kleineren Besetzungen wurden die afro-kubanischen Rhythmen integriert, der Vibraphonist Cal Tjader popularisierte mit seinem Quintett weiter den Mambo, Perkussionisten wie Ray Barretto oder Mongo Santamaria („Mr. Watermelon Man“) verliehen zahlreichen Bebop- und Hardbop-Aufnahmen ein exotisches Flair, Sonny Rollins setzte der karibischen Heimat seiner Eltern mit dem Kunst-Calypso St. Thomas ein Denkmal, während es Horace Silver, eine der Schlüsselfiguren im entstehenden Hardbop, aufgrund seiner halb-portugiesischen Herkunft kaum schwerfiel, der Musik jene spanish tinge zu verleihen (Senor Blues), die Jelly Roll Morton zufolge unverzichtbar für den Jazz ist. Eben das brachten Miles Davis und Gil Evans 1960 mit Sketches of Spain endgültig zu Bewusstsein.

Ende der 50er kam es in Brasilien zu einer weiteren folgenreichen Fusion von Jazz und lateinamerikanischer Musik. Der Sensationserfolg von Joao Gilbertos Debütalbum Chega de Saudade mit Kompositionen von Antônio Carlos Jobim begründete einen neuen Musikstil, Bossa Nova („Neue Welle“), der Elemente des brasilianischen Samba mit solchen des amerikanischen Cool Jazz verband. Ganz im Unterschied zur exaltierten Rhythmik der afrokubanischen Musik und selbst dem Karnevals-Samba Brasiliens ist der auf dem Samba cancao beruhende Bossa Nova mit seinem fast geflüsterten Gesang wie geschaffen für die Verbindung mit Cool Jazz. So war es nicht überraschend, dass Gilberto sich anlässlich seiner ersten USA-Reise 1963 mit Stan Getz zusammentat, der im Jahr zuvor mit dem programmatisch betitelten Album Jazz Samba eine ganz ähnliche musikalische Richtung eingeschlagen hatte. Das resultierende Album, auf dem Gilbertos Frau Astrud als Sängerin mitwirkte, wurde mit dem Song The Girl from Ipanema ein Welterfolg und brachte die „neue Welle“ auch in den USA endgültig ins Rollen, eine Entwicklung, die sich mit der Zuwanderung brasilianischer Musiker nach dem Militärputsch 1964 noch verstärken sollte. Nun spielten auch Jazzgrößen wie Coleman Hawkins Bossa Nova-Alben ein (Desafinado), und es entstanden Standards wie Kenny Dorhams Blue Bossa.

Parallel entwickelte sich Ende der 60er als Mixtur aus kubanischen und puertoricanischen Rhythmen mit Rhythm and Blues Boogaloo, die Tanzmusik der New Yorker Latin Communities, die ebenfalls im Jazz ihre Spuren hinterließ, am bekanntesten wohl in der ostinaten Basslinie von Herbie Hancocks Cantaloupe Island, das gesampelt in den 90ern noch einmal ein Hit werden sollte.

Doch auch nach dem Abebben dieser (Tanz-)Modewellen blieben dem Jazz die Latin-Einflüsse erhalten. Chick Corea bekannte sich schon früh zu seinem Spanish Heart, in seiner Fusion-Band Return to Forever wirkten mit der Sängerin Flora Purim und dem Perkussionisten Airto Moreira gleich zwei Brasilianer mit, und auch die Fusion-Supergroup Weather Report bereicherte ihren Sound ab dem Album Sweetnighter mit brasilianischer Perkussion. Noch einen Schritt weiter ging ihr Saxophonist Wayne Shorter, dessen Album Native Dancer (1974), eine Zusammenarbeit mit dem brasilianischen Komponisten und Sänger Milton Nascimento, auch Funk-Einflüsse zeigt und so unterschiedliche Musiker wie Pat Metheny und Earth, Wind & Fire inspirierte. Nascimento wirkte auch mit auf George Dukes A Brazilian Love Affair (1979), einem weiteren Schlüsselwerk der Latin-Funk-Fusion. Die hier eröffneten Perspektiven wurden von Musikern wie Tania Maria, Raul de Souza, Azymuth (Samba doido) oder Caldera weiterverfolgt.

Für den neueren kubanisch geprägten Latin Jazz dagegen nimmt die 1973 von Chucho Valdes gegründete Band Irakere eine Schlüsselstellung ein. Wie ihre sagenumwobenen Vorgänger Sagua spielt sie teils pure kubanische Musik, teils Jazz und ist auch Fusion-Einflüssen gegenüber offen. Zudem hat sie sich als Talentschmiede bewährt: Aus ihr gingen die Stars des gegenwärtigen Latin Jazz, Arturo Sandoval und Paquito d’Rivera (Carribean Jazz Project) hervor. Sie wie auch ihr Generationsgenosse Jerry Gonzales (Fort Apache Band) und selbst der vierzehn Jahre jüngere Pianist Gonzalo Rubalcaba (Jg. 1963), dem stilistisch der Brückenschlag zwischen kubanischer, klassischer Musik und zeitgenössischem Jazz gelingt, haben in ihren jungen Jahren noch die Schule Dizzy Gillespies durchlaufen können.

(Knut von Maydell)