Was ist Gypsy-Swing?

Wer glaubt, Jazz sei eine rein amerikanische Musik, wird durch Gypsy-Swing eines Besseren belehrt, denn er ist im Zentrum Europas, in Paris entstanden. Als eine eigenständige Variante des Jazz mit einem unverwechselbaren Sound ist Gypsy-Swing der erste europäische Beitrag zur Entwicklung des Jazz, lange bevor sich ab Mitte der 60er ein spezifisch europäischer Jazz-Mainstream entfaltete.

Die Geschichte des Gypsy-Swing begann nämlich schon Mitte der 30er, als der Leiter des Pariser Jazzclubs Hot Club de France den jungen Gitarristen Jean Baptiste „Django“ Reinhardt entdeckte, einen belgischen Sinti, der in einem Caféhaus-Orchester spielte. Wenig später entstand das Quintette du Hot Club de France, dessen damals einzigartige Besetzung bis heute den Prototyp der Gypsy-Swing-Ensembles darstellt. Django Reinhard teilte sich die Solisten-Rolle mit dem Violinisten Stephane Grappelli, während die Rhythmusgruppe lediglich aus zwei Rhythmusgitarristen und einem Bassisten bestand. Es handelte sich also um eine Besetzung ausschließlich aus Saiteninstrumenten!

Das Fehlen der sonst im Klang so dominanten Blechbläser war die Voraussetzung dafür, dass die Gitarre erstmals in der Geschichte des Jazz aus ihrer reinen Begleiterrolle heraustreten und Soloinstrument werden konnte. Dabei war Django Reinhardts wegweisende Virtuosität umso erstaunlicher, als er infolge einer Brandverletzung seiner Hand die Melodielinien nur mit zwei Fingern (!) spielen konnte. Ebenso verblüffend war sein harmonischer Einfallsreichtum, der selbst Elemente des musikalischen Impressionismus’ einbezog, denn Django konnte gar nicht Noten lesen und verdankte seine theoretischen Kenntnisse dem klassisch ausgebildeten Stephane Grappelli.

Wie aller Jazz ist auch der Gypsy-Swing eine Stil-Fusion, wobei Django Reinhardt die Musik der Sinti und Roma mit französischen Musette-Walzern und – als einziges nicht-europäisches Element – dem damals populären Swing-Jazz der USA kombinierte. Anders als im Swingrhythmus üblich werden im Gypsy-Swing allerdings nicht alle vier Viertel in gleicher Weise betont (Fourbeat), sondern nur jeweils das zweite und das vierte (la pompe).

Auch wenn der späte Django Reinhardt bereits mit Bebop experimentierte, halten die meisten Gypsy-Swing-Gruppen, die sich über den ganzen Globus verteilen, an dem von ihm entwickelten Swing-Stil und seiner Ensemblebesetzung selbst heute noch fest. Das ist bedingt durch den starken Traditionalismus der Sinti und Roma, bei denen die Jüngeren die Musik durch genaues Zuhören und Nachspielen von den Älteren lernen.

Selbst der Name Hot Club taucht in der Szene noch häufig auf. Gelegentlich wird in der Besetzung die Violine durch eine Klarinette, ein Sopransaxophon oder auch ein Akkordeon ersetzt, letzteres natürlich wegen der musikalischen Nähe zum Musette-Walzer. Die Klangfarbe der Klarinette, die Django Reinhard bereits selber eingesetzt hatte, zeigt übrigens eine Richtung an, in der die Musik noch weiterentwickelt werden kann und wird: Klezmer (NUNU!).

Andere Musiken, die sich der Gypsy-Jazz einverleiben konnte, sind Samba, Bossa Nova (Hannes Beckmann und SINTO), Bluegrass (Harmonious Wail) und sogar Rockabilly (The Vignatis). Bei ihnen besteht aufgrund des von Gitarren getragenen Rhythmus’ und Fehlens von Blechbläsern eine gewisse musikalische Verwandtschaft mit dem Gypsy-Swing. Zwar gibt es auch musikalische Ausbrüche in Richtung Fusion, wie sie das ehemalige Wunderkind der Szene Bireli Lagrene an der Seite u. a. von Al di Meola und Jaco Pastorius unternahm, doch die „organische“ Weiterentwicklung des Gypsy-Swing findet sich heute bei solchen Gruppen wie Opa Tsupa (F), Selmer #607 (F), Lagrenes eigenem Gypsy-Project, L’Ensemble Zaiti (F) oder Manugadjo (D).

Und übrigens: Der 23. Januar 2010 war Django Reinhardts 100. Geburtstag!

(Knut von Maydell)