Was ist Groove?
Bei diesem Thema werden einige wissbegierige Leser bestimmt auf eine Definition von Groove warten, doch um es gleich vorweg zu sagen, wir werden sie ebenso schuldig bleiben wie alle anderen Autoren, die sich an dem Begriff versucht haben. Groove lässt sich offensichtlich nicht definieren. Andererseits ist Groove für weite Bereiche des Jazz so wichtig, dass doch einiges dazu gesagt werden muss. So ist es beispielsweise auffällig, dass von Groove zuerst im Kontext afroamerikanisch geprägter Musik (Jazz, Funk, Soul) die Rede war. Und es gibt nicht nur den Groove als eine besondere Eigenschaft der Musik, sondern man kann auch selber grooven, und das übrigens nicht nur, wenn man groovige Musik hört. Auch das ist nämlich afroamerikanischer Slang: Groove with you, wie es sich die Isley Brothers von einer Angebeteten wünschten, bedeutet soviel wie mit jemandem eine gute Zeit zu verbringen. Von der Harmonie zwischenmenschlicher Beziehungen zur musikalischen Harmonie wiederum ist der Schritt gar nicht so groß. Besonders, wenn es wie beim Jazz vor allem um das spontane Zusammenspiel der Musiker geht, um wechselseitige Aufmerksamkeit und schnelle Reaktionsfähigkeit. Denn hierbei muss in erster Linie die Harmonie (die Chemie) unter den Musikern stimmen. Stimmt sie, das heißt, spielen die Musiker mit traumwandlerischer Sicherheit zusammen, so dass sich Abschnitte, Soli, Übergänge wie von selbst zu ergeben scheinen, dann befinden sie sich schon in einem Groove (in the groove bedeutet soviel wie im Fahrwasser). Doch das ist zunächst einmal der Groove als das zwischenmenschliche Phänomen einer vollkommenen musikalischen Kommunikation. Aber beim Groove in der Musik geht es nicht nur darum. Denn auch bestimmte Eigenschaften der Musik begünstigen den Groove zweifellos. Es muss ein allen Mitwirkenden vertrautes, verlässliches Schema – sei es eines Rhythmus, sei es einer Harmoniefolge – in der Musik geben, damit ein Groove entstehen kann. Dem Jazz war ein solches harmonisches Schema anfangs mit dem Blues gegeben, ein überschaubares Schema, das nach einigen harmonischen Abweichungen immer die Rückkehr zum Anfangsakkord zulässt. Ebenso begünstigt offensichtlich ein durchgehaltener gerader Rhythmus den Aufbau von Grooves. Das heißt, keine Rhythmuswechsel und möglichst ein Vierviertel- oder Zweivierteltakt. Für den Jazz bedeutet das, dass sich die meisten Grooves in denjenigen seiner Spielarten finden, die eine gewisse Nähe zum Blues oder zu Rhythm and Blues bewahrt haben. Das gilt vor allem für den Hardbop, und zwar da, wo er Ende der 50er wie der entstehende Soul unter den Einfluss von Gospel und des Blues-Revivals geriet und sich eine Spielweise durchsetzte, die man funky nannte (Cannonball Adderley, Bobby Timmons, Horace Silver). Dieses vom Blues bezogene, besondere Rhythmusgefühl, bei dem scheinbar schlampig (= funky), in Wirklichkeit aber absichtlich die unbetonten Taktteile in einem geraden Takt betont werden, fördert den Groove. Als James Brown in der zweiten Hälfte der 60er den Soul zum Funk steigerte, wurde diese Spielweise zum Prinzip. Im Rahmen eines Songs wurde ein Funkgroove aufgebaut, der dann in einem zweiten, überwiegend instrumentalen Teil bis zum Exzess ausgespielt wurde (Doin’ it to Death, so ein Albumtitel seiner Band, The J.B.’s). Das konnte sich, insbesondere bei Live-Auftritten, über zwanzig Minuten erstrecken und Band und Publikum durch die unablässige Wiederholung der immergleichen Rhythmusfigur regelrecht in Trance versetzen. Wenn sich Groove auch nicht definieren lässt, in diesen Konzerten dürfte er verkörpert worden sein (Live at the Apollo, Vols. I & II). Der Funk von James Brown oder Sly Stone wirkte Anfang der 70er auf den Jazz zurück. Herbie Hancock widmete letzterem sogar ein Stück auf seinem Album Headhunters und Miles Davis zeigte sich auf seinem vielleicht kontroversesten Album On the Corner ebenfalls von beiden beeinflusst. Dennoch führte die Entwicklung der Jazz-Funk-Fusion dort zu einem Verlust an Groove, wo unter dem Einfluss der Disco-Welle immer stärker die Produktion in den Vordergrund rückte. In jener Zeit wurde das Wort Groove so inflationär gebraucht, dass es sich bald auf jede Art von Tanzmusik anwenden ließ. Wer heute den echten Groove im Konzert erleben will, sollte sich an James Browns alten Kollegen Maceo Parker halten, der in den 90ern eine zweite Karriere begann und den Old School-Funk mit Jazz zu einer brodelnden Melange verbindet (Life on Planet Groove). (Knut von Maydell)

