Was ist eine Jam-Session?

Gewerkschaften mögen schon hier und da einiges Gute bewirkt haben, dennoch hätte die amerikanische Musikergewerkschaft Anfang der 40er beinahe verhindert, dass Jazzfans jemals in den Genuss „echter“ Jam-Sessions gekommen wären. Denn Jam-Sessions waren ursprünglich so eine Art exklusiver „After work club“ für Jazzmusiker, ein lockeres Beisammensein nach einem offiziellen Konzertauftritt, das der Kommunikation oder auch als Jobbörse diente und bei dem man anwesende Freunde und Bekannte zum spontanen gemeinsamen Musizieren („Jammen“) auf die Bühne bat – alles ohne Publikum.Als sich aber mitten in der Swing-Ära Jazzfans, die von ganz und gar durchkommerzialisierter Tanzmusik abgestoßen waren, auf die Suche nach dem „echten Jazz“ machten, waren sie vielfach der Überzeugung, er könne doch nur in kleinen Clubs, in fast geheimen Zirkeln überhaupt noch zu hören sein. Was die Musiker unter sich ausmachten, spontane Sessions, das musste der wahre Jazz sein! So tauchten die hartnäckigsten Fans bald bei den Jam-Sessions als ehrfürchtig lauschendes Publikum auf. Und eben das erregte den Ärger der Musikergewerkschaft, denn die Jazzmusiker, ohnehin lausig bezahlt, sollten vor Publikum gefälligst nur gegen Gage spielen. Teilweise wurden sogar Geldbußen verhängt gegen Musiker, die an Jam-Sessions teilnahmen. Entweder Konzert oder nicht Konzert. Der Streit wurde schließlich beigelegt, indem man sich darauf einigte, dass das Publikum einer Jam-Session nur einen kleinen Betrag als Eintritt zahlen sollte, der aber eher symbolische Bedeutung hatte. Ebenso erhielten die Musiker eine Mini-Gage von 8-14 Dollar (!). Als „Vater“ dieser ersten öffentlichen Jam-Sessions kann Milt Gabler gelten, Besitzer des Commodore Record Shops in New York. Er lud seine Kunden zu Sonntag-Nachmittag-Sessions mit Musikern wie Billie Holiday und Lester Young ein. Aus Mitschnitten dieser Sessions ging bald darauf (1937/38) das berühmte Label Commodore hervor. Als Anfang der 40er die öffentlichen Jam-Sessions gewerkschaftlich toleriert waren, entwickelte sich in den kleinen Clubs der 52nd Street in Manhattan eine lebendige Jam-Session-Szene, die von schwarzen Musikern aus Harlem dominiert war. Einer dieser Clubs, Minton’s Playhouse, wurde zur Geburtsstätte des Bebop, hier gingen Thelonious Monk, Dizzy Gillespie oder Howard McGhee ein und aus. Geburtshelfer aber waren zweifellos die Jam-Sessions; ihnen ist indirekt also die Entstehung des Modern Jazz zu verdanken! Soweit die Geschichte. Aber Jam-Sessions werden natürlich auch heute noch veranstaltet, und sie sind eine Angelegenheit der kleinen Clubs geblieben. In der Ankündigung übernimmt ein Musiker mit Band üblicherweise die Rolle des Gastgebers und lädt andere Musiker – Profis oder Amateure, die sich einmal ausprobieren möchten – zum gemeinsamen Jammen ein. Selbstverständlich ist die Veranstaltung für normales Hörerpublikum ebenso offen, und zwar gratis. Im ersten Teil der Veranstaltung spielt die Band das übliche Set von etwa einer Dreiviertelstunde Länge, meistens ein Programm von Standards. Nach einer Pause können im zweiten Set anwesende Musiker, die bis dahin unauffällig im Publikum saßen, zum Jammen die Bühne entern. Wie spontan das alles tatsächlich ist, kann nicht immer genau festgestellt werden, nicht selten scheinen Band und Gast verdächtig gut aufeinander „eingespielt“ zu sein und die gemeinsam gespielten Standards schon vorher abgesprochen. Dennoch sind Jam-Sessions auch immer wieder für Überraschungen gut, sowohl im positiven Sinne, wenn plötzlich verblüffend versierte Musiker die Bühne erklimmen, als auch im negativen, wenn man sich in einen Übungsraum versetzt fühlt und sich vor Verlegenheit auf seinem Stuhl windet… Aber wie die Sache auch immer ausgehen mag, Jam-Sessions sind in jedem Fall ein Schlüsselerlebnis für den Jazz als spontan improvisierte Musik; hier kann man miterleben, wie er entsteht. (Knut von Maydell)