Was ist Easy Listening/Elevator-Music?
Der französische Komponist Erik Satie (1866-1925), bekannt für bizarre Einfälle, entwickelte um 1920 die Idee einer musique d’ameublement (übersetzt etwa „Möblierungsmusik“), die sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts für die gesamte Musik als höchst folgenreich erweisen sollte.Sie bedeutete einen radikalen Bruch mit der üblichen Art des konzentrierten Musikhörens im Konzertsaal, denn diese Musik sollte nur noch unauffällig im Raum – eben wie ein Möbelstück – anwesend sein und möglichst positive Stimmungen erzeugen, ohne jedoch bewusst gehört zu werden. Zu Saties Lebzeiten noch ein eigenwilliges Experiment, wurde die musique d’ameublement zum Beginn all dessen, was wir heutzutage unter Hintergrund- oder Gebrauchsmusik verstehen: Ambient, Musak, Elevator-Musik, New Age. Die Idee war deswegen so hellsichtig, weil sie ein den Bedingungen der technischen Zivilisation perfekt angemessenes Musikkonzept ist. Musik ist heute durch Tonträger überall und jederzeit verfügbar. Diese Verfügbarkeit verändert die Hörgewohnheiten; man hört der Musik nicht immer aufmerksam zu, da man sie ja jederzeit erneut abspielen kann. In Einkaufszentren oder Restaurants ist Hintergrundmusik allgegenwärtig, die häufig allein zu dem Zweck produziert wird, die Besucher in eine positive, „konsumfreudige“ Stimmung zu versetzen (Musak). Seit der Wiederentdeckung Saties durch den amerikanischen Komponisten John Cage Anfang der 60er und der Entwicklung zur elektronischen Ambient-Musik in den 70ern (Tangerine Dream, Brian Eno) bewegt sie sich zwischen den Polen von Kunst- und Gebrauchsmusik. Als letztere wird sie zur rein kommerziell motivierten Publikumsmanipulation (s. o.) oder zur positiven Beeinflussung von bloßer Entspannung („Wellness“) bis hin zur Psychotherapie – wie ein großer Teil der New Age-Musik – eingesetzt. Jazz hat als Musik, die überwiegend in kleinen Clubs und Bars gespielt wird, eine besondere Nähe zur Ambient-Musik, denn in Clubs wird auch während der Konzerte geredet und getrunken. Hier ist man nicht so streng wie im klassischen Konzertsaal, wo der Dirigent durch Klopfen ans Pult Ruhe fordert. Im Club kann man der Musik zuhören, muss es aber nicht. Zwar fordern Jazzmusiker wie andere Künstler auch die Aufmerksamkeit des Publikums, doch hat sich aufgrund der Auftrittsorte eine andere Hörtradition im Jazz entwickelt. Teilweise hat sie aber auch mit der Musik selbst zu tun, denn der gleichmäßig swingende Viervierteltakt des klassischen Jazz (der Ära vor Bebop) hat unterhaltende Qualität. Die Aufmerksamkeit der Zuhörer erregen vor allem die improvisierten Instrumentalsoli, durch die nicht wenige Musiker schlagartig berühmt wurden, z. B. Ben Webster durch „Cotton Tail“. Er wie auch Tenor-Schwergewicht Coleman Hawkins waren berühmt für sinnliche Balladeninterpretationen (Coleman Hawkins hieß zeitweise „Mr. Sexophone!“). Die Beliebtheit der Balladen ließ die Macher des Jazzlabels Riverside Anfang der 60er aus kommerziellen Gründen die Reihe Moodsville starten. So zog die Ambient-Idee in die Jazzwelt ein, bezeichnenderweise zu einer Zeit, wo der Jazz durch die Erfolge des Rock’n’Roll in finanzielle Bedrängnis geriet. Unter diesem Druck gingen einige Jazzmusiker dazu über, auch Unterhaltungsmusik zu spielen, der man den Jazz kaum noch anhörte (z. B. George Shearing). Damit war Ende der 60er Easy Listening geboren, die Musik, mit der wir in Deutschland die Namen James Last oder Max Greger verbinden (und kaum noch von deren Jazz-Roots wissen), während in es in den USA Burt Bacharach ist. Immerhin, heute wird sein Name nicht selten schon in einem Atemzug mit Gershwin und Cole Porter genannt! Mit der gesellschaftlichen Legitimierung von (vermeintlichem?) Trash in den 90ern wurde Easy Listening wiederentdeckt und bereitete das Feld für eine überwiegend auf Elektronik und Samples beruhende Lounge-Musik, in deren Bereich sich ebenfalls Jazzverwandtes tummelt (z. B. DePhazz). Auch die Fusion-Musik mündete Ende der 70er in einen hochglanzpolierten Jazzfunk, der als das musikalische „Erbe“ des beliebten Saxophonisten Grover Washington, Jr. unter dem Namen Smooth Jazz kommerziell erfolgreich ist (Najee, George Howard, Ronnie Laws u.a.) und nicht selten als Elevator-Music verspottet wird. (Knut von Maydell)

