Ist Vocal Jazz ein eigener Stil?

Seit einigen Jahren gibt es in der internationalen Jazz-Szene einen regelrechten Vocal Jazz-Boom. Monat für Monat tauchen neue Jazz-Vokalisten auf, tatsächlich mehr Sängerinnen als Sänger. Dass viele von ihnen aus Schweden (oder Norwegen wie Rebekka Bakken) kommen, ist allerdings weniger verwunderlich, denn von dort kommt schließlich schon seit Jahren der beste europäische Jazz.

Angesichts dieser Welle kann leicht der Eindruck entstehen, es handele sich hier um einen eigenständigen Stilbereich des Jazz, zumal Vocal Jazz in der Vermarktung oft besonders herausgestellt wird und viele Künstler sich ohnehin keinem bestimmten Instrumentalstil des Jazz zuordnen lassen.

Doch letzteres galt für den Jazzgesang eigentlich schon immer. Nur wenige SängerInnen sind von einer Stilepoche so nachhaltig geprägt worden wie etwa Betty Carter oder Mark Murphy vom Bebop. Und ebenso hat die seit jeher höhere Popularität des Jazzgesangs gegenüber dem instrumentalen Jazz die Künstler (und noch vielmehr ihre Produzenten) schon immer dazu verlockt, gleich das Genre zu wechseln – vom Jazz zum Pop. Nicht erst Rebekka Bakken oder Viktoria Tolstoy müssen sich vorhalten lassen, diese von der Jazzpolizei streng bewachte Grenze überschritten zu haben, ihnen voraus gingen Louis Armstrong, Nat King Cole, Billy Eckstine, Nancy Wilson, Patti Austin, George Benson, Al Jarreau …

Diese beliebig erweiterbare Liste zeigt, dass Vocal Jazz nicht nur in der Swing-Ära, wo Jazz und Pop fast identisch waren, sondern vielmehr zu jeder Zeit von den Untiefen des Kommerzes bedroht war. Solange es bloß Songs sind, die vorgetragen werden, ist die Grenze auch wirklich fließend, und häufig ist es nur eine bestimmte „jazzige“ Phrasierung im Gesang und ein quasi-improvisatorischer Umgang mit dem Songmaterial, was hier Jazz von Pop unterscheidet.

Wenn er jedoch auch Scat einschließt, das wortlose Weiterspinnen des Melodieverlaufs durch perkussiv intoniertes Silbenstakkato, eine Kunst, in der vor allem Ella Fitzgerald brillierte, dann ist es eindeutig Jazz. Überhaupt ist der wortlose Gesang, der die Stimme zu einer zusätzlichen, quasi-instrumentalen Klangfarbe macht, die sich ganz und gar ins Ensemble einfügt, für den „echten“ Vocal Jazz charakteristisch. So hat Cassandra Wilson einmal gesagt, sie wolle nicht eine Jazzsängerin sein, sondern eine Jazz-Vokalistin. Der Einsatz der Stimme als Instrumentalfarbe kann dabei bis zur Imitation des Klangs anderer Instrumente gehen. Mit dieser Stimmtechnik sorgte der junge Al Jarreau einst in der Jazzszene für Aufsehen, und heute knüpfen Vokalensembles wie Take 6 daran an.

Die im Jazz allgegenwärtige Tendenz zur Überschreitung von Grenzen hat beim Einsatz der menschlichen Stimme schon früh zu besonderen Mischklängen geführt wie dem häufig grotesken Effekt des growling, bei dem der Klang der Blasinstrumente durch gleichzeitiges Singen und Spielen verfremdet wird. In den 40ern gab der Bassist „Slam“ Steward nicht wenigen Bebop-Aufnahmen eine unverwechselbare Klangfarbe, indem er seine – gestrichenen – Soli mit der Stimme unisono begleitete, rund dreißig Jahre später brachte George Benson die Übertragung dieser Technik aufs Gitarrenspiel zu immenser Popularität und Mitte der 90er machte die Pianistin Aziza Mustafa Zadeh mit ihrem durch Scat-Gesang erweiterten Spiel Furore.

Es erweitern also nicht nur ausgebildete SängerInnen ihre stimmlichen Möglichkeiten in Richtung Instrumentalklang, sondern auch umgekehrt Instrumentalisten ihr Klangspektrum durch zusätzlichen Stimmeinsatz. Und einige Instrumentalisten lassen Instrumentalklang und Gesang einander abwechseln, sich gegenseitig kommentieren. Dass die bekanntesten unter ihnen Trompeter sind wie Chet Baker oder – als neueres Beispiel – Till Brönner, kommt nicht von ungefähr, wird die Trompete im Jazz doch vielfach als der menschlichen Stimme am meisten verwandt empfunden und häufig als Leitbild in der Gesangsphrasierung genannt.

Bei der Annäherung der menschlichen Stimme an Instrumente spielt jedoch nicht nur die spezifische Klangfarbe eine Rolle, sondern für einige SängerInnen auch der Aufbau ganzer Soli. Nach den Pioniertaten Eddie Jeffersons an der Seite von James Moody Anfang der 50er, führten Dave Lambert, Jon Hendricks und Annie Ross im Trio das neuartige Genre des Vocalese zu höchster Perfektion. Dabei werden Instrumentalsoli Note für Note vokalisiert, aber im Unterschied zu Scat gibt es auch „richtigen“ Text, der teilweise improvisiert, d. h. spontan dazu erfunden werden kann.

Nach dem Ende des furiosen Trios tat sich der unermüdliche Hendricks zuerst Mitte der 80er mit dem jungen Vokalquartett Manhattan Transfer zusammen, um dann 1990, vereint mit Al Jarreau, George Benson und Bobby McFerrin, einen weiteren Meilenstein im Vocalese zu setzen (Freddie Freeloader).

Um abschließend auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Vocal Jazz mag kein eigener Jazzstil sein, doch haben sich im Jazz Techniken des Stimmeinsatzes entwickelt, die es so in anderer Musik nicht gibt.

(Knut von Maydell)