Welches sind die typischen Instrumente im Jazz?
Klassik, das ist, wenn da so Geigen spielen, und Jazz ist immer mit Trompeten und Saxophon – soweit das Klischee. Und wie ist es tatsächlich? Abgesehen von vielen weiteren Unterschieden, die es zwischen Klassik und Jazz gibt (Rhythmus, Harmonik etc.), trifft das Klischee doch etwas Wahres.Wenigstens, wenn man sich auf die „klassischen“ Epochen bezieht. Das ist für die Klassik die Zeit zwischen 1700 und 1900 (Barock bis Spätromantik), für den Jazz dagegen der ungleich kürzere Zeitraum von seiner Entstehung – auch etwa 1900 – bis 1970. Dass der Jazz ursprünglich eine bläserdominierte Musik war, hat mit seinen speziellen Geburtsbedingungen zu tun. Als vielfach in halböffentlichen, offenen Räumen (Straßen, Plätze) aufgeführte Musik, eigneten sich Blechbläser mit ihrem durchdringenden Klang für den entstehenden Jazz am besten, um sich Gehör zu verschaffen. Trompeten, Posaunen, eine Tuba als Bassinstrument waren in Militärkapellen seit jeher üblich. Nun waren sie, nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs, überreichlich vorhanden und aufgrund des damit verbundenen Preisverfalls für die arme schwarze Bevölkerung des amerikanischen Südens erschwinglich. Aus der französisch-kreolischen Tradition kam als weiteres wichtiges Instrument des frühen Jazz die Klarinette, deren weicher Klang den härteren der Blechbläser in ornamentalen Linien umspielte. Aus der Ragtime-Tradition kam das Klavier, aus der des Blues Gitarre und Banjo als reine Rhythmusinstrumente. Dazu traten als Fundament der Rhythmusgruppe Schlagzeug und Bass, letzterer als Tuba oder als Kontrabass, nicht selten beide zugleich. Zu erwähnen ist auch noch die Violine, die gelegentlich als Melodieinstrument Einsatz fand, um dann weitgehend aus dem Jazz zu verschwinden. Das Saxophon schließlich, für viele das Jazzinstrument schlechthin, wurde – jedenfalls in der Tenorlage – anfangs nicht ernst genommen und eher als Gag-Instrument eingesetzt. Die klangliche Verwandtschaft der Klarinette mit dem Sopransaxophon ließ es Sidney Bechet jedoch schon früh für den Jazz entdecken. Mit dem Beginn der Bigband-Ära Mitte der 20er war das Tenorsaxophon dann etabliert. Zugleich wuchsen die anfangs meistens siebenköpfigen Bands schlagartig an, wobei die Vergrößerung allein auf einer Verstärkung der Blechbläser-Sektion („Brass“) beruhte, Trompeten, Posaunen und Saxophone wurden nun drei- und vierfach besetzt. Zugleich kam als neues Instrument das Vibraphon hinzu, dessen kühler Klang dann im „kühlen“ Bop (=Cooljazz) mit dem Modern Jazz Quartet oder George Shearings Quintett zu großer Beliebtheit gelangte. Die Bebop-Ära bedeutete eine Rückkehr zu kleinen Formationen. Die chaotisch wirkende, rasend schnell gespielte Musik schien zunächst nicht auf den Bigband-Sound übertragbar zu sein. Dazu kam der ökonomische Kollaps der meisten Bigbands Ende der 40er, der selbst Swing-Stars wie Benny Goodman zu einer Septett-Besetzung übergehen ließ (‚Swingtett’). Doch der neue, raue Bebop machte auch dem Instrument, mit dem Goodman glänzte, der Klarinette, im Jazz den Garaus. Das üblicherweise mit Trompete, Tenorsaxophon, Klavier, Bass und Schlagzeug besetzte, typische Bebop-Quintet kam ohne sie aus. In der nun anbrechenden Epoche des Tenorsaxophons verbannte ein puristisch gesonnener Gigant wie Sonny Rollins zeitweise sogar das Klavier. Einen anderen, John Coltrane, trieb sein immer stärkerer spiritueller Drang zum Sopransaxophon. Das in den 60ern aufkommende Interesse an fernöstlicher Kultur ließ nun auch häufiger Flöten im Jazz auftauchen (Yusef Lateef). Sie wiederum waren nur die Vorboten einer schier unüberschaubaren Anzahl exotischer Instrumente, die mit der Öffnung des Jazz zu ethnischen Musiken in den 70ern bei Gruppen wie Oregon zum Einsatz kamen. Ähnlich unüberschaubar wirkte die Menge an elektronischen Keyboards, deren Möglichkeiten Fusion-Musiker wie Herbie Hancock oder George Duke erprobten. Die Synthesizer und Clavinets ließen Anfang der 70er die Hammond-Orgel des Souljazz der 60er schnell veraltet klingen. Doch mit der Elektrifizierung des Jazz kam auch ein Instrument im Jazz zu neuen Ehren, das früher ein reines Rhythmus-Instrument gewesen war, die Gitarre. Ihr Klang konnte nun so brachial laut sein (Mahavishnu Orchestra), das ein Miles Davis sich genötigt sehen konnte, seine Trompete elektronisch zu verstärken, um sich akustisch zu behaupten – verkehrte (Jazz-)Welt. Heutzutage gibt es ebenso wenig „die“ typischen Jazzinstrumente wie es noch einen einheitlichen Jazzstil gibt. Jazzmusiker kennen keine musikalischen Berührungsängste, und so lassen sie sich auch von der Weiterentwicklung der Möglichkeiten elektronischer Musikerzeugung nicht abschrecken. Selbst puristische Freejazz-Musiker verwenden heute digitale Sampler oder arbeiten mit DJs zusammen. Auch wenn die übliche Jazzgeschichtsschreibung unter dem „klassischen Jazz“ nur die Stilphasen bis zum Bebop (ca. 1945) versteht, und alle darauf folgenden als „Modern Jazz“ bezeichnet, ist doch der eigentliche Einschnitt in der Geschichte des Jazz seine Elektrifizierung ab 1970. Seitdem kann das Klischee vom Jazz als bläserdominierte Musik nicht mehr aufrechterhalten werden. (Knut von Maydell)

