Jazz und Weltmusik
Weltmusik ist für viele Musikhörer einfach nur die Musik, die nicht den musikalischen Traditionen und Genres der westlichen Musik zugeordnet werden kann. Ein großer Topf, in dem sich etwa portugiesischer Fado, karibischer Zouk oder indische Ragas tummeln, ohne dass sie musikalisch viel miteinander zu tun hätten.
Doch Weltmusik ist seit den späten 60ern auch ein von verschiedenen Musikern verfolgtes Projekt, die unterschiedlichen Musikkulturen dieser Welt miteinander in Kontakt zu bringen oder gar zu verschmelzen. Dass die meisten dieser Musiker offensichtlich einen Jazz-Background haben, ist nicht weiter verwunderlich, war der Jazz doch schon in seinen Anfängen eine Musik, die ihrem Charakter nach multikulturell war. Daher ist es heute bei „Weltmusik“ im Einzelfall gar nicht so leicht zu beurteilen, ob es sich um authentische ethnische Musik handelt oder um Jazz.
Es gibt im Jazz der Gegenwart regelrechte Musiknomaden – Musiker, die häufig lange Zeit in ihnen fremden musikalischen Kulturen leben und mit einheimischen Musikern zusammenarbeiten, um ihre Horizonte zu erweitern. Vorreiter dieses Musikertyps und die zentrale Figur in der Weltmusikbewegung war Don Cherry, der sich nach seinen Freejazz-Anfängen an der Seite Ornette Colemans ab Ende der 60er konsequent dieser Idee verschrieb und neben indischer, afrikanischer und türkischer Musik auch gegenüber Rock- und Popmusik keinerlei Berührungsängste kannte – immer neugierig auf ihm unbekannte musikalische Welten.
Doch nicht nur hat sich der Jazz immer neue Musiken erschlossen und einverleibt, auch die musikalischen Kulturen der lateinamerikanischen und teilweise der nah- und fernöstlichen Länder sind ihrerseits durch den Jazz beeinflusst worden. Das ist übrigens gar nicht so erstaunlich, wenn man sieht, wie etwa in der klassischen indischen Musik in den Ragas über bestimmte Tonfolgen in ganz ähnlicher Weise improvisiert wird wie im Jazz.
Im lateinamerikanischen Raum dagegen steht die musikalische Wechselwirkung mit dem Jazz vor allem im Zeichen der Rhythmik. Die räumliche Nähe zu den USA tat das Ihrige, um hier die ersten weltmusikalischen Fusionen entstehen zu lassen. Wenn man einmal von dem Exotismus des sogenannten „Jungle-Style“ in der Musik Duke Ellingtons (Ende der 20er) absieht, war die erste Weltmusik-Fusion die von kubanischer Musik (Mambo) und Bebop, mit der Dizzy Gillespie Ende der 40er Aufsehen erregte: Cu-Bop. Die komplexen Conga- und Bongorhythmen seines kubanischen Perkussionisten Chano Pozo passten perfekt zu dem neuen Bebop-Stil und ließen andere folgen (Charlie Parkers Latin Bird). Das Gegenstück hierzu – und ein weiterer Beweis für die Kombinierbarkeit von Jazz mit lateinamerikanischen Rhythmen – war Anfang der 60er die Verbindung von Cool-Jazz mit brasilianischen Bossa Nova, die Stan Getz und Joao Gilberto zusammen mit der Sängerin Astrud Gilberto Weltruhm einbrachte (The Girl from Ipanema). Die wohltemperierte Stimmung des Cool-Jazz schien wie geschaffen für die portugiesisch-brasilianische Melancholie.
Die Erschließung indischer und arabischer Klangwelten bahnte sich dagegen eher schleichend an, indem am Bop orientierte Jazzmusiker – allen voran Miles Davis – sich zunehmend unbefriedigt zeigten mit der üblichen fortschreitenden, finalorientierten Harmonik, die ihnen zuwenig Raum für ihre immer freieren Improvisationen ließ. Die Alternative, sie auf Skalen und Modi aufzubauen, ließ eine statische Harmonik resultieren, wie sie für die nah- und fernöstlichen Musikkulturen charakteristisch ist. Das war die Geburtsstunde des modalen Bop, der solche Meisterwerke wie Miles Davis’ Kind of Blue oder E.S.P. hervorbrachte. Überhaupt begannen Mitte der 60er viele schwarze Musiker, enttäuscht durch frustrierende Erfahrungen mit dem Rassismus in den USA, sich nach kulturellen Alternativen umzusehen (wie in ähnlicher Weise die Hippies). Die Rückbesinnung auf ihre afrikanischen Wurzeln führte zu ersten expliziten Annäherungen an diese Musikkultur (John Coltranes Africa/Brass). Der entstehende Freejazz nahm es zwar mit der Musikethnologie – zunächst – nicht so genau, war jedoch ein weiterer Ausdruck eines sich verstärkenden schwarzafrikanischen Selbstbewusstseins.
Wie eine visionäre Vorahnung eines neuen Weltmusik-Zeitalters wirkte schließlich 1967 die Aufführung der Hymnen des Komponisten Karlheinz Stockhausen, in der zahlreiche Nationalhymnen miteinander verschmolzen. Tatsächlich sind spätestens seit 1970 die musikalischen Grenzen offen. Selbst der Jazzrock eignete sich wie selbstverständlich Elemente anderer Musikkulturen an, sei es indische (John McLaughlins Mahavishnu Orchestra und später Shakti) oder lateinamerikanische (Chick Coreas Return to Forever). Als besonders fruchtbar erwies sich diese Verbindung auch in Deutschland mit Gruppen wie Embryo, Dzyan oder Peter Michael Hamels Between. Doch wegweisend für den neuen Ethno-Jazz waren vor allem Gruppen wie Oregon oder Codona (mit Don Cherry), die die Klangfarben des Jazz um zahllose exotische Instrumente bereicherten.
Nachdem in den 70ern im Zeichen von Hippie-Psychedelia die indische Musikkultur mehr im Mittelpunkt stand und in den 80ern stärker die afrikanische, gibt es seit den 90ern auch andere Fusionen, etwa mit südosteuropäischer Folklore (Tin Hat Trio) oder nostalgisch eingefärbte Verbindungen von Musette, Tango, Klezmer und Gypsy-Swing (Quadro Nuevo). In den USA besinnt man sich dagegen auf die Bedeutung der karibischen Musik für den Jazz (Los hombres calientes). Hier führt der weltmusikalische Ausflug des Jazz zurück zu seinen Ursprüngen.
(Knut von Maydell)

