Jazz und E-Musik

Ist Jazz E-Musik oder U-Musik? Ein gutes Beispiel für eine Fangfrage, denn die Unterscheidung zwischen ernster und unterhaltender Musik ist eine ziemlich künstliche. Sie wurde vor allem eingeführt, um den Musikmarkt überschaubar zu machen. Musiker würden sie von sich aus wohl kaum jemals getroffen haben. Sie wissen viel zu gut, dass ein und dieselbe Musik im einen Augenblick unterhaltend, im nächsten ernst sein kann.Doch mit ernster Musik ist nicht nur ein ernsthafter Charakter wie etwa bei Trauermusik gemeint, sondern auch ein Kunstanspruch. Durch die Unterscheidung wird vorgegaukelt, ein Kunstanspruch in der Musik sei nur mit Ernsthaftigkeit vereinbar, Unterhaltungsmusik könne niemals Kunst sein. Wie verhält sich nun der Jazz dazu? Um 1930 veröffentlichte Strawinsky, der in den USA das Duke Ellington-Orchester gehört hatte, einen Zeitungsartikel, in dem er bekräftigte, dass die amerikanische Unterhaltungsmusik (=der Jazz) wirklich Kunst sei. Er bewunderte den Klangfarbenzauber in der Musik des Duke. Spätestens zu dieser Zeit ist der Einfluss des Jazz in der europäischen Kunstmusik manifest, wobei es vor allem Komponisten des Neoklassizismus waren (wie z. B. Milhaud), die Jazz in ihrer Musik verarbeiteten. Aber auch die Impressionisten, offen gegenüber ‚Eindrücken’ ferner Länder, interessierten sich für Jazz. So komponierte Debussy einen Ragtime zur selben Zeit, als diese Vorform des Jazz durch Scott Joplin und andere populär gemacht wurde, und Ravel einen Blues sowie einen ganzen jazzigen Klavierkonzertsatz. Der Jazz seinerseits war bereits in den Anfängen von der europäischen Kunstmusik beeinflusst, wobei dieser Einfluss natürlich nur einer von vielen anderen war. Wer behauptet, Jazz sei rein amerikanische Musik, muss sich fragen lassen, wie rein denn die amerikanische Kultur ist. Amerika war schließlich das Einwandererland schlechthin und so finden sich im des Jazz nicht nur Einflüsse afroamerikanischer Musik, sondern auch französische, italienische, spanische, karibische... Und es sind eben nicht nur Einflüsse von Volksmusik, sondern auch der europäischen Kunstmusik. Die Piano-Rags des späten 19. Jhd. griffen auf die Harmonik der kurzen Klaviercharakterstücke zurück, wie sie für die Epoche der Romantik typisch waren (Schumann, Chopin). Neuartig und uneuropäisch war in erster Linie ihre rhythmische Bewegtheit. Seitdem hat sich der Einfluss der europäischen Musik auf den Jazz stetig verintensiviert, ganz zu schweigen von der immensen Bedeutung amerikanischer Komponisten wie Gershwin, von dessen Themen viele Jazzstandards wurden. Mit der Entstehung des Cooljazz um 1950 war ein erster Höhepunkt erreicht. Obwohl auch schon kleine Ensembles der Swing-Ära (‚Swingtette’) die musikalische Verdichtung von Kammermusik erreicht hatten (Red Norvo Trio), war es in der von weißen Musikern dominierten Jazzszene Kaliforniens ein Pionier wie Jimmy Giuffre, der unter Verzicht auf eine Rhythmusgruppe Jazz stark an den Klang europäischer Neuer Musik heranführte. Doch auch dem konventionell besetzten Dave Brubeck Quartet hörte man die klassische Schulung seines Leaders – er hatte bei Milhaud studiert – an. Ebenso erfolgreich th– ästhetisch wie kommerziell – war das Modern Jazz Quartet, in dem der Pianist John Lewis seine beiden prägenden Einflüsse Bach und Blues nahtlos miteinander verschmelzen konnte. Waren Lewis’ Kompositionen noch lediglich an Formen der Barockmusik angelehnt, so ging der Franzose Jacques Loussier mit seinem Klaviertrio ab 1959 einen Schritt weiter, indem er die Themen bekannter Komponisten wie Bach („Play Bach“), Händel oder Beethoven verjazzte. Diese überaus populäre Synthese war anderen Musikern nicht konsequent genug. So propagierte der Komponist und Jazzmusiker Gunther Schuller gleich einen neuen Typus von Musik, der sich aus Jazz, klassischer und neuer Musik gleichermaßen bedienen sollte. Diese Third Stream Music brachte er mit dem Modern Jazz Quartet ebenso zu Gehör wie mit den Gruppen des geistesverwandten George Russell. Er wie die in seinem Ensemble mitwirkenden Musiker Eric Dolphy und Bill Evans hatten ein ausgeprägtes Interesse an Neuer Musik. Bill Evans sollte später sogar Zwölftonmusik verjazzen! Die radikal avantgardistische Musik des George Russell Sextetts bereitete ästhetisch das Feld für die Ausbrüche des Freejazz in den 60ern. Die radikal freie Improvisation schien damals wie ein Ausweg für die im Korsett des Serialismus festgefahrene Neue Musik Europas. Selbst Komponisten wie Boulez oder Stockhausen bauten plötzlich in ihre Kompositionen Improvisationsabschnitte ein. Als in den 70ern der europäische Jazz endgültig ästhetisch eigenständig wurde, waren daran maßgeblich die Veröffentlichungen des Münchner ECM-Labels beteiligt. Auf den hier erschienenen Aufnahmen des Pianisten Keith Jarrett – sowohl im Jazz wie in der Klassik zuhause – gingen Jazz, Neue Musik und die klassisch-romantische Tradition Europas eine organische Synthese ein. Im Selbstverständnis des Labelchefs Manfred Eicher stehen Jazz und Neue Musik gleichberechtigt nebeneinander, und entsprechend in seinem Programm CDs des Saxophonisten Jan Garbarek neben denen des Komponisten Arvo Pärt. (Knut von Maydell)