Jazz und die Clubmusic der 90er Jahre
In den 90ern kam das seltsame Schlagwort von der „handgemachten Musik“ auf. Das war eine Reaktion auf immer mehr Produktionen, die mit gesampelter Musik arbeiteten. Was der alte James Brown bei seinen jungen Anhängern aus der Hip Hop-Szene knallhart als Diebstahl brandmarkte, nämlich die Verwendung digital gesampelter Versatzstücke aus seiner Musik, war in der Musikwelt längst gang und gäbe, inklusive dauernder Urheberrechtsstreitigkeiten.Das geheimnisvolle Gerät – um das Wort „Instrument“ zu vermeiden – das solche vermeintlichen Diebstähle ermöglichte, der digitale Sampler, wurde seit Mitte der 80er serienmäßig produziert und war zu Preisen erhältlich, die sich eine neue schwarze Unterschicht in den USA noch leisten konnte – im Unterschied zu horrende gestiegenen Preisen für „echte“ Instrumente. So entstand Anfang der 80er Hip Hop. Über einen Musikteppich von Samples, meistens Stücke alter Funk- und Soulplatten, wurde rhythmischer Sprechgesang gelegt – Raps. Dieses musikalische Prinzip war allerdings nicht neu; schon in den späten 60ern gab es in der Jamaikanischen Reggae-Szene DJs, die die Basisaufnahmen bekannter Stücke neu abmischten (Dubbing) und darüber ihren eigenen Sprechgesang legten (Toasting, quasi der Vorläufer der Raps), wie später im Hip Hop häufig sozialkritische Kommentare zu den Lebensbedingungen ihrer Communities. Das alles natürlich noch mit analogen Tonbändern. Doch die digitale Sampling-Technik sollte die Musikwelt ab der zweiten Hälfte der 80er nachhaltig verändern. Denn auch in Discotheken arbeitende DJs nutzten den Sampler und kreierten mit neuen Abmischungen (Remixes) und digitalen Schnitten bearbeitete Versionen von Dico-Hits, woraus eine neue Club-Musik entstand: House. Auch das hatte es Ende der 70er in der Disco-Szene schon mit analogen Mitteln gegeben. Es diente der individuellen Profilierung der DJs. Mit den Mitteln der digitalen Musikbearbeitung rückten die DJs im Verlauf der 80er an die Seite der kreativen Musiker als ein neuer Musikertyp, der aus einem schier unendlichen Pool von Musikaufnahmen durch verfremdende Bearbeitung etwas Neues schaffen kann. Dabei zeigte sich schon bald, das die digitale Bastelarbeit am Sampler (und bald darauf PC) mit der Spontanität eines improvisierenden Jazzmusikers vereinbar war. Erste Ansätze zu einer Verbindung von Jazz und Hip Hop-Rhythmen gab es bereits in den späten 80ern bei dem New Yorker Musikerkollektiv M-Base (Greg Osby, Steve Coleman) und dem Hip Hop-Duo Gang Starr. Gleichzeitig wurden in der Londoner Clubszene alte und unbekannte Latin- und Souljazz-Platten als Tanzmusik wiederentdeckt (Rare Grooves). Diese Ausgrabungen der DJs inspirierten bald auch Musiker, diese Musik nachzuspielen und mit Elementen von Hip Hop zu kombinieren (US 3, Galliano, Guru Jazzmatazz). So entstand Acid-Jazz als wichtiger Dancefloor-Trend der 90er. Zwar war es vor allem ein Club-Phänomen, doch brachte die Szene auch kreative Jazzmusiker wie Ronnie Jordan oder Courtney Pine hervor und verschaffte dem Jazz neue Popularität. Auch in Deutschland gab es mit Gruppen wie Tab Two oder der Jazzkantine den Crossover von Hip Hop und Jazz. Während sich die Acid Jazz-Bands Mitte der 90er in reinen Retro-Stilkopien zu verlieren drohten, entstand in der zweiten Hälfte der Dekade eine überwiegend auf Elektronik und Samples basierende neue Club-Musik, die strukturell wie House funktioniert, aber auch Jazzelemente verarbeitet (Jazzanova, Groove Armada u. a.). Für sie wurde die Bezeichnung NuJazz geprägt. Auch hier zeigt sich, dass kreativer Jazz am ehesten dann entsteht, wenn die neuen Mittel und Klangfarben der Elektronik mit Instrumentalimprovisationen verwoben werden. So sind es Musiker wie der Trompeter Nils Peter Molvaer oder der Pianist Bugge Wesseltoft, die Elemente von Clubmusic wie Drum’n’Bass für den Jazz fruchtbar machen. Andere wie das Münchner Trio Elf übersetzen sogar Elemente von Techno in akustischen Jazz. Während House, Techno, Acid-Jazz und NuJazz vor allem Club- und Dancefloormusik sind, entstand mit der Kombination von hypnotisch verlangsamten Hip Hop-Rhythmen und psychedelischen Elementen Mitte der 90er das (kurzlebige) Genre Trip Hop, das die Band Portishead schlagartig berühmt werden ließ. Dass sich selbst Trip Hop mit Jazz verbinden lässt, zeigt die Musik des Duos Nighthawks. (Knut von Maydell)

