Ist Jazz Popmusik/populär?
Was ist eigentlich Popmusik? Ein bestimmter Stil? Oder ist es wirklich nichts anderes als popular music? Dann könnte theoretisch jede Art von Musik irgendwann mal Popmusik werden.
Obwohl es natürlich bestimmte Eigenschaften gibt, die es wahrscheinlicher machen, dass ein Musikstil wirklich populär wird, wie etwa Eingängigkeit, eine Melodie mit hohem Wiedererkennungswert (Ohrwurmcharakter), ein zeitgemäßer Klang in der Produktion etc.
Gemessen an dem heutigen Anteil des Jazz am Musikmarkt ist Jazz ganz bestimmt nicht Popmusik, denn er ist verschwindend gering. Doch in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sah das noch ganz anders aus. In der Swingära war Jazz mit Sängern wie Nat King Cole oder Frank Sinatra fast ein Synonym für Popmusik. Viele der heute populärsten Jazzmusiker sind bezeichnenderweise solche, die wie Roger Cicero oder Diana Krall musikalisch an den Sound der Swing-Ära anknüpfen. Im Übrigen gehen auch viele berühmte Jazzstandards dieser Zeit auf populäre Songs aus Broadway-Musicals zurück (so wie der deutsche Schlager aus der Operette hervorging). Mit der Entstehung des Bebop Anfang der 40er Jahre wandelte sich das Verhältnis des Jazz zur Popularität grundlegend, denn nach dem Selbstverständnis der Bebopper sollte Jazz nicht unterhaltend oder Tanzmusik sein (wie der Swing), sondern Kunst.
Mit der Entstehung des Free Jazz zwanzig Jahre später steigerte sich diese Entwicklung ins Extrem. Die Rückgriffe auf die europäische E-Musik-Avantgarde (Stockhausen, Boulez, Webern) machten den Free Jazz zu einer esoterischen Musik, die in bewusster Opposition zur Kommerzialität von Popmusik stand.
Dennoch gab es auch danach noch kommerziell erfolgreichen Jazz. Die Breitenwirkung von Rock, Funk und Soul regte Anfang der 70er viele Jazzmusiker dazu an, eine Fusion dieser Musik(en) mit Jazz zu schaffen. Und so wurde Herbie Hancocks Jazzfunk-Album Headhunters der erste Millionenseller des Jazz. Selbst in der darauf folgenden Disco-Ära mischten Jazzmusiker mit (wie Quincy Jones, der später sogar Michael Jackson produzierte!), mussten dafür freilich viel Kritikerschelte einstecken. So ist das Verhältnis des Jazz zur Popularität bis heute spannungsreich geblieben, wobei sich interessanterweise an den Erfolgen von Joe Hendersons Tribute-Alben in den 90er Jahren (an Miles, Duke und Jobim) zeigte, dass musikalisch anspruchsvoller Jazz und kommerzieller Erfolg sich überhaupt nicht ausschließen müssen, wenn nur die Plattenfirmen bereit sind, in intelligentes Marketing zu investieren.
(Knut von Maydell)

